Dienstag, 15. Februar 2022

Am Ende noch mal dicke

Der Chronist musste die Poolterrasse verlassen. Er hatte Hunger. Ging vom Hotel ein Stück weg und landete nach der Empfehlung einer kleinen Inderin bei einem Libanesen. Vegetarisch. Die Bedienung schlurfte und war doof. Nicht alle. Einer widmete sich dem Chronisten in gutem Englisch. Alles war sehr sauber, jeder im Laden trug ein Haarnetz. Mit der Speisekarte war er überfordert. Orderte die Tagessuppe, einen Ingwersprossensa lat und die Empfehlung des Beraters. Die Suppe war lecker, der Ingwersprossensalat war lecker und die Hauptspeise auch. Nur der Chronist war ratlos. Schon lange nicht mehr musste er sich zeigen lassen, wie man isst. Das hörte auch nicht beim Kaffee auf. Nein, Tee habe man nicht nur gesalzenen Kaffee. OK. Dazu noch was Süsses von der sechs Meter langen Süsstheke und der Chronist ist vorsichtig zurück ins Hotel gegangen, damit nichts rausschwappte. 

Ein frischer, heißer was-weiß-er-Pfannkuchen mit warmem Kartoffelsalat gefüllt; es steht noch eine dritte Soße hinter den beiden anderen; man reißt sich Stücke mit der Hand ab. Ein Messer gibt es nicht

Das Süße sieht so verdächtig süß aus, war es aber nicht. Der (Filter-)Kaffee war heiß und sehr aromatisch; Wenn er ihn nicht so heiß möge, könne er ihn ja in den Unterbehälter und wieder zurückgießen, meinte der Kellner. Und so hat er es auch gemacht

Wegen dem Japanrestaurant und der späten Heimkehr kommt auch Dominic etwas später. Er hat wahrscheinlich lange nach seinem Rasierer gesucht und ihn schließlich doch nicht gefunden. Wir steuern zuerst ein Kunstmuseum an. Eines, das nicht zu Scheichs Lieblingen gehören wird. Schön am Wasser gelegen, weiße Kuben und, ganz ungewöhnlich Ikea helle Holzvertäfelungen und Möbel. Was erzählt der Chronist hier, er hat es vergessen zu fotografieren. Was er bieten kann, ist eine Kopie eines Fotos der Sammlung: Der Financialtower in der leeren Wüste, 1979 fertiggeworden, 1982 fotografiert. Durch die Balkonvorbauten klimatisch angepasst. Keine direkte Sonneneinstrahlung in das Gebäude. 

Der Turm wurde damals als völlig unnötig und übertrieben diskutiert. Heute verschwindet er in dem Meer der ihn umgebenden Glasraketen, die nichts von dem Gedanken, Energie zu sparen, verströmen.

World Trade Center das Erste

Nächste Station ist das Verkaufsgebäude des staatlichen Entwicklers EMAAR im neuen Bezirk Dubai Creek. Dominic möchte Graziella noch eine Wohnung vermitteln. Der Bezirk gruppiert sich um den geplanten neuen Dubai Creek Tower, der erste weltweit über einen Kilometer Höhe. Das 70 m tiefe Flächenfundament ist seit zwei Jahren fertig. Aber es wird nicht weitergebaut. Wer kann eine 70 m tiefe Stahlbetongründung über zwei Jahre finanzieren ohne Einnahme?  Den Chronisten verlassen die Vorstellungskräfte über die hiesigen Geldströme. Er staunt schon über die Größe der neu zu pflanzenden Palmen.

Mit Seilen abgespannt; der neue Turm vom spanischen Architekten Santiago Calatrava. Nie von gehört, der Schweizer-Rolf aus Hamburg geht auf die Knie: Ein Jahrhundertgenie

Müssen auch gut gegründet und verspannt werden: Die neuen Palmen

Fast hätte er nicht mehr dran geglaubt: Eines dieser zahllosen Autogeschäfte besuchen zu dürfen. Die Truppe will in ein Szenelagerhausgebiet für Kunst. Aus dem Bus sieht der Chronist teures Blech blinken. Er sondert sich ab und gerät in das Wunderland aller Muhammads dieser Welt, die Chinesen eingeschlossen. 

Kein Bild will er seinen Lesern ersparen oder vorenthalten. Auf sein seriöses Aussehen hin wird er seriös angesprochen. Sein seriöses Anliegen, für seine Enkel Fotos zu machen, wird ohne Wimperzucken akzeptiert: Take all your time you need.

Passen nicht mehr in die Halle

Um durchzukommen, hat er seinen Mantel gerafft. Bloß keine Lackschäden


Keine Ahnung. Alles nicht auf seiner inneren Modellpalette

Porsche müsste dafür eine eigene Führerscheinklasse bekommen, Charakterzeugnis mindestens gleichwertig einer Waffenbesitzkarte

Der Abgasstrom würde Marilyn Monroe auf ihrem berühmten Foto völlig entkleidet haben

Mehr was für den Scheichsohn zu Ostern zwischendurch (Sohn studiert in Deutschland: Papa, ich schäme mich, jeden Tag mit dem Ferrari zur Uni zu kommen. Die anderen fahren mit dem Zug. Papa: Du brauchst dich nicht schämen. Hier sind 10 Millionen. Kauf dir auch einen.

Was die Schwaben so können

Ob der Kretschmann weiß, was Zuffenhausen da zusammenschraubt?

Gibt es auch im Drogeriemarkt Müller Minden; Maßstab 1 : 55


Durch vier teilen = Euro

Nicht alle haben ein Preisschild

Jumeirah heißt das staatliche Hotelunternehmen, 7 Sterne plus weltweit ist ihr Geschäftsmodell (Erinnert den Chronisten an ein Radiointerview mit Rudolf August Oetker, der der Moderatorin sagte, es hätte doch etwas mehr an gutem Gefühl, wenn das Hotel, das man besucht, einem auch gehört. Das Personal würde einen noch ein Stück mehr respektieren). 

Normalerweise kommt man als Nichtgast gar nicht ans Meer. Dominic hat an der Strandbar einen Burger gebucht und so kommt man doch hin. 1999 entstand die Ikone am Strand, das weiße Burgh Arab. Eines der wenigen Gebäude der Welt, dass sofort verortet wird (bei den meisten jedenfalls). Die riesige gelbliche Hotelanlage am Strand am Fuße des Turmes hat ein Filmkulissenbauer aus Hollywood kreiert. Nach des Dominics Einschätzung perfekt. Eigentlich ist es Disneyland. Nichts für den Chronisten, der die Leute in der riesigen Poollandschaft ein wenig verachtet. Dreißig Meter dahinter feiner, heller Sand und sauber weißgrünes Wasser des persischen Golfes. Warum geht man nicht bis dahin? Eine späte Folge der Mütter, die ihren Kindern im Schwimmbad Socken und langärmelige Wasserkleidung verpassen?

Nur Doppelstockzimmer; oben links Restaurant und Bar; der weiße Teller rechts nimmt die Hubschrauber vom Airport auf, für die, denen einer der weißen Shuttle Rolls Royce zu profan ist

Nur der Scheich ist wirklich reich

Ziemlich perfekt für eine Filmkulissenfirma

Und dann hatte er noch eine Aufgabe. Das ME Dubai Hotel von Zaha Hadid. Es stand nicht auf der Tourliste und Dominic hatte es nicht gemacht, obwohl er es versprochen hatte. Der Taxifahrer setzte den Chronisten am Haupteingang ab und hier ging er dann auf die Knie. Er beschloss, bis zum Dunkelwerden da zu bleiben. Der Leser möge von den Bildern ahnen, was sein persönliches Jahrhundertgenie da hingezaubert hat.

ME Dubai

Er ahnt die Quälerei aber auch Herausforderung für die Handwerker

Sofalandschaft von hinten

Am Abend geht noch einmal ein Licht auf

o. Worte






Die Dachterrasse als Schreibplatz hat der Chronist mit dem Flugzeugsitz eingetauscht. Die Maschine ist rappelvoll. Er hat diesmal nicht so viel Glück mit dem Platz. Egal. Die Truppe hatte sich noch einmal an der Bar versammelt. Dominic kam noch auf ein Bier vorbei. Sofia, die immer aufmerksame Hüterin der ganzen Schäfchen, war auch noch da. Es war eine feine Truppe, da haben wir Alle Glück miteinander gehabt. Claus ist mit seinem 24er Handicap und der Tüte Golfschläger schon umgezogen. Morgen um elf hat er den ersten Abschlag. Ein Pärchen bleibt noch länger. Schweizer-Rolf aus Hamburg macht einen Umweg über Zürich und Graziella Handschuh fliegt erst morgen nach Wien. Murat, der freundliche Busfahrer aus Pakistan fährt die restlichen sieben zum Flughafen.

Jetzt war der Chronist einmal da, wo er schon so lange hinwollte, da, wo ihm die Architektenzeitungen und Vorträge ein Bild vermittelt hatten, dass man sich nur einmal um seine eigene Achse drehen müsse, um die Architekturwunder der Petrodollar bewundern zu können. So war es nun nicht. Man muss sich dafür bewegen.

Außer diesem speziellen Zweck hat er auch noch einen Blick in ein spezielles Land tun dürfen. Ein Land, das keine Obdachlosen hat, das in den fünfzehn Jahren, die Dominic hier lebt, drei schwerere Verbrechen aufzuweisen hat. Eine Stadt, in der der Chronist gefühlt nur einmal einen Wagen mit Blaulicht und Sirene gesehen hat. Eine Stadt, in der es mehr vegetarische Restaurants gibt als er je gesehen hat. Eine Stadt, in der riesige kubische Gebäude für Fernkühle sorgen. Umgekehrt als bei uns in Fernheizkraftwerken wird Wasser gekühlt und in die umliegenden Gebäude gepumpt. Dominic zahlt an mäßigen Warmtagen rund 200 Euro im Monat Kühlkosten, wenn es im Sommer mit über 50° Grad so richtig kracht, auch 400 Euro im Monat.

Fernkühlwerk

Der Chronist glaubt nicht, dass er noch einmal herkommt, außer seine Enkel würden unbedingt hier Skilaufen lernen wollen. Erstens ist es einfach zu unwirtlich und das bisschen Küstenlinie und Meer gibt es woanders schöner. Manchen lieben diese Tausend-und-eine-Nacht Erscheinung vieler Hotels und die paar noch übrig gebliebenen Meter enger Handelsgassen für Stoff, Gewürze und Gold. Der Chronist nicht. Außerdem findet er es fad, dass diese Gesellschaft Frauen so wegsperrt.

Subventionen, Subventionen. Er wird das Gefühl nicht los, dieser ganze Glanz und Gloria beruhe nicht auf einer strammen eigenen Leistung aller Beteiligten, sondern auf Subventionen. Die Millionen Quadratmeter Aluminiumfassaden und glitzernden Glasflächen, die abertausenden Flächen polierter Hartsteinflächen aus aller Welt, Millionen von Kubikmetern Beton, sie alle sind nicht nur möglich, weil Hunderttausende fleißige Hände aus Bangladesch, Indien, Pakistan, Afghanistan, Nepal mit angefasst haben. Nein, die Arbeit, die notwendige Energie kommt aus der Erde. Der Glanz und Gloria ist überhaupt nur möglich durch Millionen Barrel weltweit verkauften Erdöls. Anders ginge es nicht, glaubt er. Und deswegen wird er Dubai nicht lieben können (worauf letzteres bestens verzichten kann)

Er ahnt aber auch, dass noch eine andere Besonderheit im Spiel ist: Geschick. Wenn er sich das Chaos des erdölreichen Venezuelas anschaut, ist das hier auch das Ergebnis einer geschickten, knallharten Geschäftspolitik. Die Hausherren sind Händler durch und durch. Die zu ihrem Vorteil eiskalt auch mal eine Rechnung nicht bezahlen. Eher grundsätzlich Rechnungen ungerne bezahlen. Man kann ja erst mal Mängel geltend machen und warten, bis der Rechnungssteller die Lust verloren hat oder verhungert ist. Und als er im Museum die alten Fotos der Staatsgründung sieht, Anfang der Siebziger mit den Scheichs in weißen Flattergewändern und den Rollgummidichtringen über dem weißen Kopftuch, meint er sich zu erinnern, dass sie es schon damals geschafft hätten, mit Rotzfrechheit und Hartnäckigkeit der Weltgemeinschaft Millionenbeträge abzutrotzen. Respekt auch dafür, wie der jetzige Herrscher es schafft, Millionen Quadratmeter völlig fruchtlosen Sandbodens in der Welt für 300 Dollar das Stück zu verkaufen.

Alles in allem, Dubai war auf jeden Fall die Reise wert! Und er würde es wieder so machen, auch wenn er das Paddeln unterm Polarlicht zur Alternative hätte. Nicht unerwähnt lassen möchte er die Toiletten. Dieses kleine Detail eines Wasserschlauches in Griffweite der Toilettenschüssel sollte weiltweit Standard werden. Man ist selber sauberer und die Toilette auch. 

Der Chronist hat dies alles hier vermerkt, dass die, die gerne die leichte Art des Reisen im Kopf vorziehen und die, die aus welchen Gründen auch immer gar nicht herkommen werden, teilhaben können. Er kann sich nicht messen, an diesen unzähligen Reise- und Länderberichten des Fernsehens. Es ist ein kleiner, persönlicher Beitrag. Er ahnt, dass für den gemeinen Leser zu Hause am Küchentisch, am Arbeitsplatz oder auf dem Sofa zu viel Architektur drin ist und Details und Anekdoten zu kurz kommen. Es ist auch aus Zeitmangel viel Luschigkeit drin. Egal, Zweck erreicht. Er muss nicht alles dreimal erzählen. Es warten neue Dinge.

Bis denne

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