Der Chronist musste die Poolterrasse verlassen. Er hatte Hunger. Ging vom Hotel ein Stück weg und landete nach der Empfehlung einer kleinen Inderin bei einem Libanesen. Vegetarisch. Die Bedienung schlurfte und war doof. Nicht alle. Einer widmete sich dem Chronisten in gutem Englisch. Alles war sehr sauber, jeder im Laden trug ein Haarnetz. Mit der Speisekarte war er
überfordert. Orderte die Tagessuppe, einen Ingwersprossensa
lat und die Empfehlung des Beraters. Die Suppe war lecker, der Ingwersprossensalat war lecker und die Hauptspeise auch. Nur der Chronist war ratlos. Schon lange nicht mehr musste er sich zeigen lassen, wie man isst. Das hörte auch nicht beim Kaffee auf. Nein, Tee habe man nicht nur gesalzenen Kaffee. OK. Dazu noch was Süsses von der sechs Meter langen Süsstheke und der Chronist ist vorsichtig zurück ins Hotel gegangen, damit nichts rausschwappte.
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Ein frischer, heißer was-weiß-er-Pfannkuchen mit warmem Kartoffelsalat gefüllt; es steht noch eine dritte Soße hinter den beiden anderen; man reißt sich Stücke mit der Hand ab. Ein Messer gibt es nicht
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Das Süße sieht so verdächtig süß aus, war es aber nicht. Der (Filter-)Kaffee war heiß und sehr aromatisch; Wenn er ihn nicht so heiß möge, könne er ihn ja in den Unterbehälter und wieder zurückgießen, meinte der Kellner. Und so hat er es auch gemacht
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Wegen dem Japanrestaurant und der späten Heimkehr kommt auch Dominic etwas später. Er hat wahrscheinlich lange nach seinem Rasierer gesucht und ihn schließlich doch nicht gefunden. Wir steuern zuerst ein Kunstmuseum an. Eines, das nicht zu Scheichs Lieblingen gehören wird. Schön am Wasser gelegen, weiße Kuben und, ganz ungewöhnlich Ikea helle Holzvertäfelungen und Möbel. Was erzählt der Chronist hier, er hat es vergessen zu fotografieren. Was er bieten kann, ist eine Kopie eines Fotos der Sammlung: Der Financialtower in der leeren Wüste, 1979 fertiggeworden, 1982 fotografiert. Durch die Balkonvorbauten klimatisch angepasst. Keine direkte Sonneneinstrahlung in das Gebäude.
Der Turm wurde damals als völlig unnötig und übertrieben diskutiert. Heute verschwindet er in dem Meer der ihn umgebenden Glasraketen, die nichts von dem Gedanken, Energie zu sparen, verströmen.
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World Trade Center das Erste
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Nächste Station ist das Verkaufsgebäude des staatlichen Entwicklers EMAAR im neuen Bezirk Dubai Creek. Dominic möchte Graziella noch eine Wohnung vermitteln. Der Bezirk gruppiert sich um den geplanten neuen Dubai Creek Tower, der erste weltweit über einen Kilometer Höhe. Das 70 m tiefe Flächenfundament ist seit zwei Jahren fertig. Aber es wird nicht weitergebaut. Wer kann eine 70 m tiefe Stahlbetongründung über zwei Jahre finanzieren ohne Einnahme? Den Chronisten verlassen die Vorstellungskräfte über die hiesigen Geldströme. Er staunt schon über die Größe der neu zu pflanzenden Palmen.
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Mit Seilen abgespannt; der neue Turm vom spanischen Architekten Santiago Calatrava. Nie von gehört, der Schweizer-Rolf aus Hamburg geht auf die Knie: Ein Jahrhundertgenie
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Müssen auch gut gegründet und verspannt werden: Die neuen Palmen
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Fast hätte er nicht mehr dran geglaubt: Eines dieser zahllosen Autogeschäfte besuchen zu dürfen. Die Truppe will in ein Szenelagerhausgebiet für Kunst. Aus dem Bus sieht der Chronist teures Blech blinken. Er sondert sich ab und gerät in das Wunderland aller Muhammads dieser Welt, die Chinesen eingeschlossen.
Kein Bild will er seinen Lesern ersparen oder vorenthalten. Auf sein seriöses Aussehen hin wird er seriös angesprochen. Sein seriöses Anliegen, für seine Enkel Fotos zu machen, wird ohne Wimperzucken akzeptiert: Take all your time you need.
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Passen nicht mehr in die Halle
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Um durchzukommen, hat er seinen Mantel gerafft. Bloß keine Lackschäden
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Keine Ahnung. Alles nicht auf seiner inneren Modellpalette
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Porsche müsste dafür eine eigene Führerscheinklasse bekommen, Charakterzeugnis mindestens gleichwertig einer Waffenbesitzkarte
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Der Abgasstrom würde Marilyn Monroe auf ihrem berühmten Foto völlig entkleidet haben
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Mehr was für den Scheichsohn zu Ostern zwischendurch (Sohn studiert in Deutschland: Papa, ich schäme mich, jeden Tag mit dem Ferrari zur Uni zu kommen. Die anderen fahren mit dem Zug. Papa: Du brauchst dich nicht schämen. Hier sind 10 Millionen. Kauf dir auch einen.
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Was die Schwaben so können
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Ob der Kretschmann weiß, was Zuffenhausen da zusammenschraubt?
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Gibt es auch im Drogeriemarkt Müller Minden; Maßstab 1 : 55
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Durch vier teilen = Euro
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Nicht alle haben ein Preisschild
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Jumeirah heißt das staatliche Hotelunternehmen, 7 Sterne plus weltweit ist ihr Geschäftsmodell (Erinnert den Chronisten an ein Radiointerview mit Rudolf August Oetker, der der Moderatorin sagte, es hätte doch etwas mehr an gutem Gefühl, wenn das Hotel, das man besucht, einem auch gehört. Das Personal würde einen noch ein Stück mehr respektieren).
Normalerweise kommt man als Nichtgast gar nicht ans Meer. Dominic hat an der Strandbar einen Burger gebucht und so kommt man doch hin. 1999 entstand die Ikone am Strand, das weiße Burgh Arab. Eines der wenigen Gebäude der Welt, dass sofort verortet wird (bei den meisten jedenfalls). Die riesige gelbliche Hotelanlage am Strand am Fuße des Turmes hat ein Filmkulissenbauer aus Hollywood kreiert. Nach des Dominics Einschätzung perfekt. Eigentlich ist es Disneyland. Nichts für den Chronisten, der die Leute in der riesigen Poollandschaft ein wenig verachtet. Dreißig Meter dahinter feiner, heller Sand und sauber weißgrünes Wasser des persischen Golfes. Warum geht man nicht bis dahin? Eine späte Folge der Mütter, die ihren Kindern im Schwimmbad Socken und langärmelige Wasserkleidung verpassen?
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Nur Doppelstockzimmer; oben links Restaurant und Bar; der weiße Teller rechts nimmt die Hubschrauber vom Airport auf, für die, denen einer der weißen Shuttle Rolls Royce zu profan ist
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Nur der Scheich ist wirklich reich
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Ziemlich perfekt für eine Filmkulissenfirma
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Und dann hatte er noch eine Aufgabe. Das ME Dubai Hotel von Zaha Hadid. Es
stand nicht auf der Tourliste und Dominic hatte es nicht gemacht, obwohl er es
versprochen hatte. Der Taxifahrer setzte den Chronisten am Haupteingang ab und hier ging
er dann auf die Knie. Er beschloss, bis zum Dunkelwerden da zu
bleiben. Der Leser möge von den Bildern ahnen, was sein persönliches
Jahrhundertgenie da hingezaubert hat.
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ME Dubai
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Er ahnt die Quälerei aber auch Herausforderung für die Handwerker
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Sofalandschaft von hinten
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Am Abend geht noch einmal ein Licht auf
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| o. Worte |
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Die Dachterrasse als Schreibplatz hat der Chronist mit dem Flugzeugsitz
eingetauscht. Die Maschine ist rappelvoll. Er hat diesmal nicht so viel Glück
mit dem Platz. Egal. Die Truppe hatte sich noch einmal an der Bar versammelt.
Dominic kam noch auf ein Bier vorbei. Sofia, die immer aufmerksame Hüterin der
ganzen Schäfchen, war auch noch da. Es war eine feine Truppe, da haben wir Alle
Glück miteinander gehabt. Claus ist mit seinem 24er Handicap und der Tüte
Golfschläger schon umgezogen. Morgen um elf hat er den ersten Abschlag. Ein
Pärchen bleibt noch länger. Schweizer-Rolf aus Hamburg macht einen Umweg über
Zürich und Graziella Handschuh fliegt erst morgen nach Wien. Murat, der
freundliche Busfahrer aus Pakistan fährt die restlichen sieben zum Flughafen.
Jetzt war der Chronist einmal da, wo er schon so lange hinwollte, da, wo ihm
die Architektenzeitungen und Vorträge ein Bild vermittelt hatten, dass man sich
nur einmal um seine eigene Achse drehen müsse, um die Architekturwunder der
Petrodollar bewundern zu können. So war es nun nicht. Man muss sich dafür
bewegen.
Außer diesem speziellen Zweck hat er auch noch einen Blick in ein spezielles
Land tun dürfen. Ein Land, das keine Obdachlosen hat, das in den fünfzehn
Jahren, die Dominic hier lebt, drei schwerere Verbrechen aufzuweisen hat. Eine
Stadt, in der der Chronist gefühlt nur einmal einen Wagen mit Blaulicht und
Sirene gesehen hat. Eine Stadt, in der es mehr vegetarische Restaurants gibt
als er je gesehen hat. Eine Stadt, in der riesige kubische Gebäude für
Fernkühle sorgen. Umgekehrt als bei uns in Fernheizkraftwerken wird Wasser
gekühlt und in die umliegenden Gebäude gepumpt. Dominic zahlt an mäßigen
Warmtagen rund 200 Euro im Monat Kühlkosten, wenn es im Sommer mit über 50°
Grad so richtig kracht, auch 400 Euro im Monat.
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| Fernkühlwerk |
Der Chronist glaubt nicht, dass er noch einmal herkommt, außer seine Enkel
würden unbedingt hier Skilaufen lernen wollen. Erstens ist es einfach zu
unwirtlich und das bisschen Küstenlinie und Meer gibt es woanders schöner.
Manchen lieben diese Tausend-und-eine-Nacht Erscheinung vieler Hotels und die
paar noch übrig gebliebenen Meter enger Handelsgassen für Stoff, Gewürze und
Gold. Der Chronist nicht. Außerdem findet er es fad, dass diese Gesellschaft
Frauen so wegsperrt.
Subventionen, Subventionen. Er wird das Gefühl nicht los, dieser ganze Glanz
und Gloria beruhe nicht auf einer strammen eigenen Leistung aller Beteiligten,
sondern auf Subventionen. Die Millionen Quadratmeter Aluminiumfassaden und
glitzernden Glasflächen, die abertausenden Flächen polierter Hartsteinflächen
aus aller Welt, Millionen von Kubikmetern Beton, sie alle sind nicht nur
möglich, weil Hunderttausende fleißige Hände aus Bangladesch, Indien, Pakistan,
Afghanistan, Nepal mit angefasst haben. Nein, die Arbeit, die notwendige Energie kommt
aus der Erde. Der Glanz und Gloria ist überhaupt nur möglich durch Millionen Barrel weltweit verkauften Erdöls. Anders ginge es
nicht, glaubt er. Und deswegen wird er Dubai nicht lieben können (worauf letzteres bestens verzichten kann)
Er ahnt aber auch, dass noch eine andere Besonderheit im Spiel ist:
Geschick. Wenn er sich das Chaos des erdölreichen Venezuelas anschaut, ist das
hier auch das Ergebnis einer geschickten, knallharten Geschäftspolitik. Die
Hausherren sind Händler durch und durch. Die zu ihrem Vorteil eiskalt auch mal
eine Rechnung nicht bezahlen. Eher grundsätzlich Rechnungen ungerne bezahlen.
Man kann ja erst mal Mängel geltend machen und warten, bis der Rechnungssteller
die Lust verloren hat oder verhungert ist. Und als er im Museum die alten Fotos
der Staatsgründung sieht, Anfang der Siebziger mit den Scheichs in weißen
Flattergewändern und den Rollgummidichtringen über dem weißen Kopftuch, meint
er sich zu erinnern, dass sie es schon damals geschafft hätten, mit
Rotzfrechheit und Hartnäckigkeit der Weltgemeinschaft Millionenbeträge
abzutrotzen. Respekt auch dafür, wie der jetzige Herrscher es schafft,
Millionen Quadratmeter völlig fruchtlosen Sandbodens in der Welt für 300 Dollar
das Stück zu verkaufen.
Alles in allem, Dubai war auf jeden Fall die Reise wert! Und er würde es wieder so machen, auch wenn er das Paddeln unterm Polarlicht zur Alternative hätte. Nicht unerwähnt lassen möchte er die Toiletten. Dieses kleine Detail eines Wasserschlauches in Griffweite der Toilettenschüssel sollte weiltweit Standard werden. Man ist selber sauberer und die Toilette auch.
Der Chronist hat
dies alles hier vermerkt, dass die, die gerne die leichte Art des Reisen im
Kopf vorziehen und die, die aus welchen Gründen auch immer gar nicht herkommen
werden, teilhaben können. Er kann sich nicht messen, an diesen unzähligen
Reise- und Länderberichten des Fernsehens. Es ist ein kleiner, persönlicher
Beitrag. Er ahnt, dass für den gemeinen Leser zu Hause am Küchentisch, am
Arbeitsplatz oder auf dem Sofa zu viel Architektur drin ist und Details und Anekdoten zu kurz kommen. Es ist auch aus
Zeitmangel viel Luschigkeit drin. Egal, Zweck erreicht. Er muss nicht alles
dreimal erzählen. Es warten neue Dinge.
Bis denne
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