Der Chronist sitzt mit seiner Truppe im Bus nach Abu Dhabi, Louvre und Riesenmoschee.
Der Bericht dazu kommt später. Er ist im Stress. Seine Enkel versorgt er mit Videos pluss dem hier, ist aber den ganzen Tag unterwegs. Er ist der
Zweitälteste, nur Stadtplaner Rolf aus der Schweiz, der in der Hamburger
Hafencity lebt, ist älter. „Wir müssen akzeptieren, dass es nicht mehr alles so
geht.“ Auch wenn es sich auf Schweizerdeutsch nicht so ernst anhört, will der Chronist davon nichts wissen, fühlt sich
aber als jemand, der kopfüber in der Regentonne hängt und dort die letzten
Pfützchen auskratzt, um weiterzumachen können. (Gruppenfoto wird nachgeliefert)
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Noch nachzutragen: Hoteldachterrasse
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Hannover 2000, Shanghai 2010, und jetzt Dubai 2020. Die Zehnerjahre-Expos
sind die großen und der Chronist war da. Obwohl wir bereits 2022 haben, heißt
sie 2020 und war auch dafür vorgesehen. Und Dubai wäre nicht Dubai, wenn sie
nicht alles gegeben hätten. Muhammad bin Raschid Al Maktum ist Landeschef. Er
hat eine klare Vorstellung davon, wie seine Stadt auszusehen hat, wie sie
überleben kann. Was der Chronist nicht wusste: Dubai ist nur eine Stadt und hat
praktisch keine Landesfläche und das Öl ist schon lange alle Mit zwei Prozent
trägt es praktisch nicht mehr zum Bruttosozialprodukt bei. Dubai ist im Stile
Singapurs ein Wirtschaftszentrum mit null Steuern, Freezones für die
verschiedensten Wirtschaftszweige, Hotels, Hotels, Hotels und mit Superlativen.
Rund 50000 tausend Menschen lebten in den 70ern an der Mündung eines langen
Meerarmes, der Boom startete in den 90ern, erreichte seinen Höhepunkt 2008, als
wegen der weltweiten Kreditblase nach einer Immobilienmesse der Stecker gezogen
wurde und von heute auf morgen die Kräne stillstanden.
Jetzt läuft es wieder und der Scheich, der seine Stadt von jetzt 3,1 Mio
Einwohner auf 6 Mio bringen will, hat ein System, das zwar nicht immer
funktioniert, aber meistens. Natürlich handelt er nicht allein, aber er gibt
die Grundidee vor, die am Ende auch sehr sozial ist und die von staatlichen und
privaten Entwicklern umgesetzt wird. Und zu diesem System gehört auch die Idee
der EXPO. Das Gelände liegt eine Autostunde von der Stadt entfernt, es ist mit
einer neuen Metro erschlossen, deren Fahrt auch eine Stunde dauert. Bis auf
wenige Gebäude werden fast alle Pavillions hinterher abgerissen und das Gelände
wird ein neuer Stadtteil mit Büros und Wohnungen. Und die jetzt noch wüste
Landschaft beidseits der achtspurigen Ausfallstraße soll Stadt werden.


EXPO, EXPO rufen die Kinder am Eingang beim Gruppenfoto. Auch Sofia treibt
ihre Schäfchen vor einem der drei imposanten und doch federleichten
Eingangstore zusammen: Ein Geflecht aus Carbonfaserdraht (aus Deutschland). Ihr
Papa Hannes, der Büropartner von Dominic führt uns. Der Chronist erhält als Ü60
eine Seniorguest Card. Ihren wahren Vorteil wird er erst am zweiten Tag
schätzen lernen. Graziella aus Wien ist schon ziemlich unruhig. Als Sammlerin
will sie alle Stempel zusammenbekommen.
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Des Chronisten Versehrtenschein
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Graziella Handschuhs Sammlerkunstwerk
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Unberechenbar; man hat sich darauf geeinigt, dass es standfest ist.
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Bahrain hinter der Tapetentür: Jeder Pavillion hat seine Regierungschefsuite
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Hannes hat als Residentarchitekturbüro den Vermittler und Vorortplaner für
eine Reihe Pavillions gemacht. So weiß er eine Menge Details, an die man als
Normalbesucher nie herankäme. Wieder ist der Chronist, wie schon in Shanghai
vom deutschen Pavillion etwas enttäuscht. Dort wird für 50 Mio Euro die Welt
erklärt und an fummeligen Apparaturen klimafreundliche Technik gezeigt,
einschließlich einem Erdkubus mit überdimensional dicken Regenwürmern. Das
machen auch die Videoschaukeln am Ende des Durchganges und die schweinefreie
Currywurst nicht wett. Nach des Chronisten Geschmack geht es nicht. Es stehen
die Gäste in langen Schlangen davor. (Fotot vergessen, schade)
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Russland ohne Ecken und Kanten
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| Teheran |
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...auch nicht einfach so dahingestellt
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| Finnland |
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Holland: Rustikal, preiswert, stabil und wiederverwendbar; der Scheich liebt das nicht
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Russland bezaubert, Teheran bezaubert, die Hülle von Finnland auch. Österreich,
die mit ihrem Pavillion ganz unglücklich sind, bezaubern sehr. Saudi Arabien
fasziniert. Ja, der Chronist wird hier keine Aufzählung liefern. Langweilig, er
liefert Bilder. Er ist glücklich, bei diesem Weltereignis dabei zu sein. Am
zweiten Tag überlässt uns die Führung uns selber. Der Chronist geht erstmal zu
Kolumbien Kaffee trinken. Mit seinem orangenen Seniorpass wird er an den
Pavillions zur Smartline gewunken und ist immer sofort dran. Wenn ihm schlapp
ist, hält er einen der Golfkarren mit der Aufschrift On Demand an und lässt
sich nach da und da fahren. Covid bedingt rechnet man mit der Hälfte der 25
Millionen geplanten Gäste. Es ist nicht lästig voll, es ist picobello sauber
und es ist auch atemberaubend, liefert Gänsehaut und ist zum Staunen. Mittel
sind beim Gastgeber vorhanden. Über eine Verlängerung denkt man nicht nach.
Jeder Tag kostet einfach zu viel.
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Pavillion der Ideen; 3000 t Stahl als Trägermaterial für Solarpaneele, zur Verschattung
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Ohne Worte
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Der Chronist im Regenring: Saudi Arabien
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Zentral neben dem Dubaipavillion, dessen Form einem Falken nachempfunden ist
und dessen Flügel hydraulisch geöffnet, Solarzellen freigeben, ist eine riesige
Kugel gitterförmig hingestellt worden, 135 m im Durchmesser, ausgefuchste
Videokanonen verzaubern nach dem Einbruch der Dunkelheit das Gerippe und die
Häute dazwischen mit einer Orgie aus Licht und Musik.
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Das Zentrum
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Der Falke schläft: Dubai
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Dahinter ist ein riesiger
Wassertopf, der dem Chronisten Gänsehaut besorgt. Zu Musik und Licht schickt
eine unsichtbare Technik große Wassermassen über den Rand, die die konkav
geformten Seitenwände runterrauschen. Man kann den Blog ja auch mit Videos
füttern, was hier wenigsten ein bisschen Atmosphäre vermittelt. Der Chronist
ist mit Familie Demmelhuber dort, ein großer Laden- und Trockenbauer aus
Altötting, die mit Sohn und Neffen unterwegs sind. Es sind also nicht nur Alte
und Schwache unterwegs. Selbst Horst aus Ingolstadt ist nicht wirklich alt,
aber das Abfertigungsdrama in Frankfurt, sein ziemlicher Bauch und seine
ziemlich schwere Golfausrüstung haben ihn etwas beschädigt. Er hängt noch eine
Woche Golfspiel dran.
Tausende Hände aus Indien, Bangladesh, Pakistan, Afrika putzen, fahren Kart,
bedienen in den Restaurants oder sind als freiwillige Helfer da. Nachhaltig?
Das meiste wird abgerissen und ist nicht mehr brauchbar. Baumaterialien der Pavillionhüllen,
Rolltreppen, Toiletten, Betonwände. Nachhaltig ist vielleicht die friedliche
Zusammenkunft der Welt, die in den Köpfen nach Hause getragen wird. Solar wäre
schön, aber die Sandstürme machen Paneele blind. Die Frontscheiben und
Frontscheinwerfer der Autos sind deshalb mit Folie beklebt, die man von Zeit zu
Zeit abzieht und erneuert.
Statt mit dem Tourbus kann man auch mit der Metro fahren. An jedem Ende gibt
es für doppeltes Geld einen kleinen Bereich Goldklasse. Leider fährt der
Chronist zweimal am falschen Ende und hat nicht den freien Blick nach vorne.
Der Zug fährt ohne Fahrer. Egal, es gibt von der erhöhten Trasse beidseits
einiges zu sehen. In der Häufigkeit unserer westlichen Ein-Euro und Dollarrama Geschäfte
sind hier die Autoläden für Sport- und Luxuskarren gelegen, vollgestellt mit
teuerstem Blech.
Ihr Lieben, der Chronist hat etwas luschig von den letzten beiden Tagen
berichtet. Sorry. Aber im wackeligen Bus zwischen den ständigen Erläuterungen
Dominics fehlt ihm der Schwung. Er wollte aber es nicht auslassen. Er war am
zweiten EXPO-Tag sogar vor dem Bustermin mit der Metro allein nach Hause
gefahren, fröstelig und unausgeschlafen. Aber außer einem ziemlich guten
pakistanischen Essen neben der Metrostation, das mit 31 Dirham weniger als die
Hälfte eine Glases Rotwein im portugiesischen Pavillion kostete, hat er nicht
mehr viel hinbekommen.
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Grossbitannien; man wartet auf Prinz Harrry
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Schade, er war nicht drin
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