Dienstag, 8. Februar 2022

Kein Paddeln unterm Polarlicht

Eigentlich hatte er keine richtige Lust mehr loszufahren. Er war ja gerade losgewesen und dieses Ein-und-Auspacken, Checken, Organisieren, In-fremden-Betten-schlafen, In-fremden-Cafes-sitzen, ständig Fremde-Landschaftenschauen ein wenig müde. Aber jetzt, wo er in einem nagelneuen ICE sitzt, im Speisewagen, allein, der übrige Zug fast unheimlich leer, der Kaffee lecker und der Croissant blättert ab wie eine Birke nach dem ersten scharfen Frost, da kommt ihm Olga Tocarczuk's Satz wieder in den Sinn: Sie ziehe ihre Säfte nicht aus der Erde, sondern aus dem Ruckeln des Zuges, dem Schaukeln eines Busses oder dem sanften Wiegen eines Schiffes.

 

Und so ist er doch neugierig, was ihn erwartet::

Der Chronist ist auf dem Weg nach Dubai und Abu Dhabi. 2010 war er schon mal in dieser Weise fragmentarisch unterwegs. Architektur und Städtebau. In China. In Gruppe. Das hat ihn schwer beeindruckt und das versucht er jetzt zu wiederholen. Wieder in Gruppe.

Kein Paddeln unterm Polarlicht! Am Wochenende hatte er sich nach langer Abstinenz mal wieder eine Wochenzeitung gegönnt. Die kostet jetzt fast soviel wie ein Taschenbuch. Respekt! In der Reisebeilage wurde mit einer Kajaktour nach Norwegen gelockt. Irgendwo in den Norden, irgendwo im Kalten, natürlich in lecker warme Jurten, in die man nach einer geführten nächtlichen Kajaktour im Neoprenanzug zurückkehrt. Nö. Eher nicht. Es erscheint ihm zu einfach und als Provinzler und Besitzer einer kleinen Waldparzelle hat er übers Jahr einige Natur. Er ist neugierig auf die Kunst des Bauens, auf das, was menschlichen Köpfen entspringt und in Gemeinschaft mit unvorstellbar viel Geld in Materie umgesetzt wird.

Und weil er ja auch im Namen seiner Leute unterwegs ist, macht er diese Notizen. Wer will. Wenn etwas vermisst wird oder für lässlich erachtet, Finger hoch und melden.

VAE ist der Staatsname für diese Förderation aus sieben Emiraten. Das auswärtige Amt warnt: In jüngster Zeit haben sich die Spannungen zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und jemenitischen Rebellen verschärft. Die Emirate waren seit Mitte Januar 2022 mehrfach Ziel von Angriffen mit Flugkörpern aus Jemen. Für den Chronisten ist es das Märchenland schlechthin. Seine fragmentarischen Erkundungen in London führten ihn zwangsläufig dazu. Seiner Meinung nach muss England einmal unermesslich reich gewesen sein. Nirgendwo hatte er bis dahin mehr an historischen Gebäuden in solcher Größe und solcher Ausschmückung und historische Infrastruktur in solcher Großzügigkeit und Ausstattung gesehen. Jetzt sind die VAE für ihn so ein Glanzpunkt auf der blauen Kugel. Mehr noch als China vielleicht. Mehr Gold, mehr Edelstein, mehr Marmor, mehr polierter Granit. Und: Der reiche Engländer fuhr vielleicht vergoldete Kutschen oder hatte in seinem eigenen Eisenbahnwaggon Samtgepolsterung und Silberbesteck auf Brüsseler Spitze im Speisewagen. Was aber ist das im Vergleich zu einem privaten A380 Airbus oder einer eigenen Boing 777 mit Schlafzimmer, Dusche, Kino und weißgelederten Sitzlandschaften?

Gestern noch drohte das ganze Unternehmen zu scheitern. Die VAE verlangen ein PCR Test (Wir haben immer noch Corona). Wegen Überlastung des Labors sollte der aber nicht mehr rechtzeitig vorliegen. Zauberhände haben seine Probe unter den Zehntausend des gestrigen Tages nach vorne geschoben. Allermeisten Dank dafür.

Es mag kritische Stimmen geben, dass der Chronist so viel in der Gegend herumfliegt. Er hat daher fix für sich überschläglich bilanziert, traditionell in Heizöl statt KWh oder Tonnen CO². Auf seine Person bezogen spart er jährlich durch das verheizen von NAWARO's (Nachwachsende Rohstoffe = Bäume) 1000 l Heizöl und sein Kraftwerk auf dem Dach liefert mehr als 2000 l jährlich. Bei einem pro Kopfverbrauch der modernen Flugzeuge von 4l/100 km Kerosin (deswegen der Vergleich mit dem Heizöl) hat er also rund 75000 Flugkilometer frei und ist einigermaßen entspannt.

Er verlässt den Zug fast ungern. Der Kellner ist sehr freundlich. Ebenso wie die beiden Schaffnerinnen, die sich mittlerweile im Speisewagen niedergelassen haben und sich über nicht zu öffnende Wagentüren und andere Probleme unterhalten. Seine Fahrkarte kontrollieren sie nicht, obwohl sie als QR-Code generiert ja nicht infektiös wäre.

Jetzt sitzt er im Flugzeug und muss erstmal abdampfen. Es wurde dann doch noch ein bisschen hektisch und er wäre um ein Haar wirklich nicht mitgekommen. Nachdem ihm der Pariser Airport von seiner letzten Reise her als die größte Schande der zivilen Luftfahrt erschien, wandelte er mit großer Zufriedenheit durch den bestens organisierten FRA. Mehr als zwei Stunden bis zum Abflug. Zeit für einen Snack am Gate. Was ihn aus seiner Zuversicht riss, war der outgesourcte, blutjunge Pferdeschwanz, samt seiner Kollegen, an Sondertischen vorm Gate platziert. Sie führten den Doccheck durch und sortierten den Chronisten erstmal aus. Und nicht nur ihn! Zwar war das Testergebnis in Englisch aber nicht die Bezeichnungen vor Namen, Geburtstag und so weiter. Und nicht ausgedruckt! Das war ja wie am Grenzkontrollpunkt Marienborn 1970! Er könne ja schnell noch einen neuen Test hier machen, erläuterte der junge Mann. Dazu hätte der Chronist den Flughafen verlassen müssen, 240 € für den Allerschnellsttest berappen und wäre doch nicht rechtzeitig wieder am Gate. Das Boarding hatte bereits begonnen. Hektische Anrufe in der Mindener Teststelle halfen nicht. Dafür brauche man einen Tag hieß es.

Die Not wurde groß und größer. So setzte er sich an seine Maschine, einer der Leidensgenossen war Miguel Ortiz aus Porto Westfalica mit dem gleichen mangelhaften Dokument. Miguel kreierte die Tabellenangaben in Englisch und der Chronist fummelte sie in das PDF als Textfelder über die deutschen Angaben. Schlechtmeinende hätten es Dokumentenfälschung genannt, mit gutem Willen konnte man es auch als Transkription bezeichnen. 

 

Original und Fälschung

Nein, am Gate könne man das nicht ausdrucken. Das müssten wir an den Servicedrucker an Gate 14 schicken. Dann erhielte man einen Code und mit dem könne man das übersandte Dokument drucken. Die Boardingschlange schmolz bedenklich.

Gott sei Dank kein Papierstau. Nur ein paar Andere mit dem gleichen Problem. Im Laufschritt zurück, Miguel fragte beim Rennen den Chronisten besorgt, ob alles in Ordnung sei. Doccheck machte einen Haken an das neue Dkument und strich den Ungültigkeitsvermerk vom Boardingpass. Nach dem Chronisten kamen noch drei Fluggäste und Miguel. Die 747 ist fast voll.

Schade, dass Mr. Pferdeschwanz nicht mitbekommt, wie luschig die Kontrolle am Dubai Airport ist. Ein flüchtiger Blick und weiter geht es. Unter dem hochgehaltenen Schild A-tours am Ausgang versammeln sich elf Personen, eine kommt noch separat aus Wien. Das Hotel ist ziemlich nach des Chronisten Mütze. Es ist weit nach Mitternacht. Morgen in aller Herrgottsfrühe will er den Swimmingpool auf dem Dach benützen. Gute Nacht



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